17. Februar: Entdeckungsreise durch die deutsche Designszene. Matthias Dietz hat einen Text für den Katalog verfasst zur Fragestellung: "Warum ist Berlin ein solcher Magnet für die internationale Designszene geworden?"

Um der Bundeswehr zu entkommen bin ich 1975 für eine Nacht aus meinem Internat geflohen um mich auf dem Einwohnermeldeamt Berlin-West als Neubürger einzuschreiben. Mein farbenfroher VW Bus hatte die Nummer B-TM-xxx und dieser unfreiwillige Verweis auf das Betäubungsmittelgesetz (BTM) garantierte mir in der Folge ausführlichste Grenzkontrollen. Berlin war damals schon -- nicht nur bei Grenzern in West und Ost -- das Synomym für Freiheit und Abenteuer.

Die Aussicht keine Uniform tragen zu müssen war dabei nur ein Aspekt. Allerdings entstand durch den jahrzehntelangen Zustrom dieser Wehrdienst-flüchtigen das solide Fundament der Stadt: Individualität, Renitenz, Freigeist und Toleranz. In Berlin ist es leicht, sein zu können wer man will. Denn in den 60ern, 70ern und 80ern wurden Milliarden D-Mark von Westdeutschland nach Berlin gepumpt, die dann für sensationelle Ausstellungen, Konferenzen und Festivals verpulvert wurden. Der optimale Nährboden für Freelancer und Kreative aller Disziplinen. Schnelle Jobs und Party all-night. Die einzige Stadt in Deutschland wo die Kneipen, Bars und Clubs keine Sperrzeiten hatten.

Wer im Design was werden wollte studierte damals in Essen an der Folkwang-Schule. Meinem naserümpfenden Vater zum Trotz studierte ich Industrie Design an der Berliner Hochschule der Künste. Die Gruppe  "Memphis" machte gerade in Italien Furore mit bunten, frechen Möbeln und wir schlugen mit dem Projekt "Kaufhaus des Ostens" in die gleiche Kerbe. Sensationell schräge Sachen aus Halbfertigteilen. Null-Design aus Berlin war schon damals viel freier als das arrivierte Produktdesign der Ulmer Schule, das in den westdeutschen Haushalten der 70er und 80er Jahre Einzug hielt. Aber wir Berliner Designer wussten gar nicht genau was wir da machten... und genau darin bestand ja der Reiz. Die Mieten waren günstig und wir hatten viel Zeit und wenig ökonomischen Druck um herauszufinden, was "relevant" ist.

Es stimmt, worüber der internationale Easyjetset des Designs spricht: In Berlin haben die Menschen Zeit zum unbezahlten Nachdenken - ohne dabei in einem Loch am Stadtrand leben zu müssen. Und auch deswegen gibt es hier eine kritische Masse von Gestaltern mit unzähligen Spezialgebieten. Diese kann man leicht zum Austausch treffen, die meisten wohnen sowieso in der Parallelstrasse. Täglich brandet eine Flut von verlockenden Einladungen in die diversen Mailboxen - man sieht tolle Ausstellungen obwohl man nur  zum Supermarkt wollte. Manche gehen in der unendlichen Clubszene verloren. Es ist bunter, internationaler und auch professioneller geworden. Die Freiräume aber gibt es immer noch. Im Berlin des neuen Jahrtausends ist es relativ egal wie man sich anzieht,  man kann sich leicht und ohne grosse Widerstände in den unterschiedlichen Gesellschaften bewegen. In Berlin geht es nicht so sehr darum wer man ist, sondern was man macht.

Matthias Dietz
Berlin, den 13.1.2009